Großversuch mit Betonschwellen (Weihnachten 2025)

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Manfred Mitze
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Registriert: So 24. Dez 2017, 19:09

Großversuch mit Betonschwellen (Weihnachten 2025)

Beitrag von Manfred Mitze »

Moin zusammen!

Vorwort

Nachdem unsere Weihnachtsgeschichten mittlerweile eine gewisse Tradition haben, standen wir natürlich auch diesmal vor der Frage, was man denn wohl darstellen möchte. Und weil wir bislang immer Frachtgut auf seinem Weg begleitet haben, der bevorzugt in norddeutsche Häfen führte, sollte es diesmal einerseits ein eher bahninternes Thema werden. Auch wollten wir nach dem doch recht aufwändigen Hanomag-Versand des letzten Jahres auch mal einen Gang zurückschalten und ein etwas bescheideneres Thema wählen.

Mit in diesem Jahr realisierten Projekten „Atlas-Bagger“, „Verfeinerungen am Weinert Klv 51“ und „Talbot-Schotterwagen“ kam die Idee auf, es doch mal mit einer schlichten Gleisbaustelle zu versuchen und die gebauten Objekte dort einzusetzen. So weit, so gut. Aber was soll denn die thematische Klammer sein, die die einzelnen Beiträge zusammenhält? Nun, nach einigen ergebnislosen Runden hat Michael mit viel Fantasie und Material aus seinem unerschöpflichen Archiv eine Idee zusammenkomponiert, die uns machbar erschien, wenngleich der eine oder andere Teilnehmer doch etwas ratlos war, wie in aller Welt man das denn wohl im Modell darstellen könnte. Einig waren wir uns in der Einschätzung, dass der Aufwand doch eher überschaubar ist (so kann man sich täuschen - darüber später mehr) …..


Einleitung

Die Situation der Deutschen Bundesbahn in den 1950er Jahren war durchaus nicht so rosig, wie sie auf vielen Modellbahnanlagen dargestellt wurde und wird. Die Infrastruktur litt noch immer unter den enormen Zerstörungen im Krieg, hinzu kamen die Folgen der jahrelang unterbliebenen Instandhaltung. Der Straßenverkehr wurde zur übermächtigen Konkurrenz, der Marktanteil im Personen- und Güterverkehr sank bereits deutlich.

Sparen und rationalisieren war also angesagt. Und was den Oberbau anging, war die Spannbetonschwelle einer der Schlüssel dazu. Sie war kostengünstig herstellbar, hatte mit rund 40 Jahren eine lange Liegezeit, obendrein erhöht das große Gewicht die Steifigkeit des Gleisrosts und vereinfacht so den Übergang zum durchgehend verschweißten Gleis. Ein interessanter Vorteil ist die verbesserte Rollreibung durch die geringere „Einfederung“ beim Überrollen – bei Versuchen wurde ein bis zu 20% reduzierter Laufwiderstand gemessen. Eine Menge guter Argumente also, die Einsparungspotentiale zu heben.

Die Nachteile der Betonschwellen seien dennoch nicht verschwiegen: Das hohe Gewicht erschwerte einerseits den manuellen Einbau: Es waren vier statt zwei Mann erforderlich, weswegen sich Maschinen zur automatischen Verlegung rasch durchsetzten. Bei Brücken verminderte das hohe Schwellengewicht die Tragfähigkeit das Bauwerks. Erstaunlicherweise war auch eine Verlegung in Tunneln anfangs stark eingeschränkt: Die größere Schwellenhöhe ergab häufig Probleme mit dem Lichtraumprofil, zudem wurden deutlich mehr Stöße in den felsigen Boden und damit auch in die Ausmauerung eingeleitet.

Die Entwicklung der Betonschwelle war durchaus langwierig – bei den bisherigen Anwendungen etwa in Gebäuden oder Brücken war Spannbeton ja eher gleichmäßig belastet, im Vergleich stellt das dauernde Überrollen mit hoher Kraft und starken Stößen eine deutlich anspruchsvollere Aufgabe dar. Bereits 1906 wurden erste schlaff bewehrte Betonschwellen der Firma Dyckerhoff & Widmann eingebaut, sie stellten aufgrund unzureichender Festigkeit jedoch noch keine konkurrenzfähige Alternative zur Holzschwelle dar. Der entscheidende Fortschritt brachte die Entwicklung des Spannbetons in den 1930er und 1940er Jahren. Damit konnte die geringe Zugfestigkeit des Betons ausgeglichen werden, die technischen Anforderungen waren auf wirtschaftliche Weise erfüllbar. Erste Versuche erfolgten ab 1940 mit vorgespannten Schwellen, die die Heidelberger Portlandzementwerken an die Reichsbahn lieferten. Nach dem zweiten Weltkrieg konnten die wesentlichen Aufgaben als gelöst gelten, nachdem mit Herstellern und Universitätsinstituten in kurzer Zeit nochmals erhebliche Fortschritte gemacht wurden. Insbesondere die Rütteltechnik bei der Betonherstellung und die Entwicklung hochfester Spanndrähte waren ein Schlüssel zum Erfolg.

In der Nachkriegszeit wurden analog zu den Praxiserfahrungen in schneller Folge konstruktive Verbesserungen umgesetzt, hier einige Beispiele, wobei alle Schwellentypen mit 220 kN (ca. 22t) vorgespannt wurden:

B 6 (Herstelljahr 1948-50)
Obere Lage mit 2 Spannstäben Ø 10 mm, unten 2 Spannstäbe Ø 18 mm.

93 Betonschwelle B6.jpg


B 12 (Herstelljahr 1951-54)
2 Spannstäbe Ø 18,6 mm.

94 Betonschwelle B12.jpg


B 53 (Herstelljahr 1953-59)
2 Spannstäbe Ø 18,6 mm

95 Betonschwelle B53.jpg



Ein großer Sprung gelang mit der 2,4 m langen, mit 320 kN (ca. 32t) vorgespannten Schwelle B 58, die dann für 12 Jahre die Standardschwelle bei der Bundesbahn war:

B 58K (Herstelljahr 1958-70)
Obere und untere Lage mit 2 Spannstäben Ø 14,5.

96 Betonschwelle B58K.jpg




Für die Befestigung des Reichsbahnoberbaus K auf der Betonschwelle hat sich der Einsatz getränkter Holzdübel bewährt:

97 Betonschwelle mit K-Oberbau.JPG


Die ersten Betriebserfahrungen mit der B58K waren positiv, man war sich sicher, jetzt einen betriebstüchtigen Universaltyp gefunden zu haben. Daher entschloss sich die Hauptverwaltung der DB, weitere Hersteller zu zertifizieren, wozu wiederum weitere Tests nötig wurden, zu denen man die Direktionen aufforderte:

80 HVB Schreiben S1.jpg
81 HVB Schreiben S2.jpg

Nun lag der Ball bei den Direktionen, die sich die Beziehungen nach Frankfurt nicht verscherzen wollten. Und so wollen wir an ausgewählten Beispielen verfolgen, wie man die Anordnung umsetzte, ohne allzu viel Mehraufwand zu erzeugen.




Schwellen-Einbau auf´m Land bei Silschede

Es hätte ein schöner Ausklang der Arbeitswoche werden können, wenn, ja, wenn der werte Herr Direktionsfotograf nicht unlängst auf eine wundersame Idee gekommen wäre…..

Die Oberbautruppe der Bahnmeisterei Sprockhövel ahnte nichts Böses, wollte nach der ausführlichen Durchsicht des Schwerkleinwagens mit einer gemütlichen Runde den Freitag ausklingen lassen, als der Dienststellenleiter mit wichtiger Miene und in die Seite gestemmten Armen eine ganz besondere Aufgabe verkündete - es ging um die unlängst von der Wuppertaler Direktion angelieferte Betonschwelle.

01 Bm Sprockhövel Ansprache.jpg

„Ihr ladet die Schwelle auf den Klv und dann geht’s um zehn nach sieben im Blockabstand hinter dem 4055er nach Schee. Ach, übrigens: Den leeren Talbot nehmt ihr bis Schee auf den Haken, der wird am Nachmittag vom Ng abgeholt. Und noch was: Eure Arbeit wird von Helmut Säuberlich abgelichtet, unserem Direktionsfotografen. Also saubere Klamotten anziehen, brav nach Vorschrift arbeiten und immer dran denken: Unsere Bm steht ziemlich weit oben auf der Streichliste – also solltet ihr besser einen guten Eindruck hinterlassen.... Der Herr aus Wuppertal reist übrigens mit einer Draisine an, war wohl kein Dienstwagen greifbar. Ihr trefft ihn in Schee, er folgt Euch auf Sicht.“

Die Stimmungslage der Rottenarbeiter sank deutlich.
„Und wat soll der ganze Quatsch, wieso sollen wir dat Betonmonster da einbauen?“ fragt Rudolf eher missmutig. „Da sind ja nich mal Zwischenplatten montiert?“

„Stimmt, sagt der Chef, die kannst Du gleich mal aufschrauben – Ihr habt ja noch ´ne halbe Stunde. Die Schwelle wird für Versuchszwecke eingesetzt, Weisung von ganz oben aus Frankfurt. Macht einfach. Noch Fragen?“.

„Mist, hätte n´schöner Tag werden können“, grummelt Alfons, „aber nu, hilft ja nix. Wir wir ´reinhauen. sind wir mittags fertig und den lästigen Fotografen wieder los.…“.

Gesagt, getan: Schwelle mit dem Kran aufgeladen, Sitzbank an der Ladefläche eingesteckt, Werkzeug in der Kiste verstaut, den Talbot mit der Stange angekuppelt - dann konnte es ja losgehen.

Im Sommer war die Fahrt mit dem Schienencabrio ja durchaus angenehm. In Bossel würdigen die auf den Zug nach Hattingen wartenden Damen das heulende Gefährt keines Blickes.

03 Anfahrt Bossel _kl.jpg


Nach Ankunft in Schee wurde Alfons von den Kollegen ausgekuckt, unauffällig die bestens geführte Bahnhofsgaststätte aufzusuchen, um mit Frikadellen und allerlei Flüssigem eine Grundlage für eine zünftige Mittagspause zu schaffen.

04 In Schee.jpg

Die Draisine war schon da, sodass es nach Abkuppeln des Talbots zügig auf die Nebenbahn Richtung Silschede ging, mit der Klv 11 im Nacken.

05 Rottenberger Weg _kl.jpg

Ordnung muss sein: Für den Ausflug der Draisine wurde selbstverständlich ein Fahrauftrag ausgestellt, während der Schwerkleinwagen als Zug unterwegs sein konnte.

83 Fahrtanweisung Klv.jpg
83 Fahrtanweisung Klv.jpg (771.88 KiB) 12786 mal betrachtet


Der vorgesehene Einbauort am Streckenkilometer 6,0 ist erreicht. Helmut Säuberlich erkundet bereits mögliche Kamerapositionen, während die Rottenarbeiter offenbar noch eine offizielle Aufforderung zum Absitzen erwarten ….

21 Ankunft Klv11 und Klv 51.JPG


Nun geht’s aber los: Rudolf hat schon die Betonschwelle angeschirrt und ärgert sich wieder einmal, dass der Sprockhövler Klv noch mit dem mechanischen Robel-Kran ausgestattet ist. Aber nu, besser als nix - von Hand möchte man die fast 300 kg schwere Schwelle natürlich auch nicht bewegen. Alfons kuckt sich das Ganze schon mal entspannt mit geschulterter Gabel an, während Horst Säuberlich mit dem Lichtschachtsucher der zweiäugigen Rolleiflex-Mittelformatkamera das erste Bild komponiert.

22 Abladen Betonschwelle.jpg


Die Werkzeugkiste ist abgeladen, die Handwerkzeuge sind vorschriftsgemäß übersichtlich seitlich vom Gleis aufgereiht - schließlich ist ja der Fotograf anwesend….

23 Werkzeug auslegen _kl.JPG


Das Freilegen das Schotterfachs rechts neben der zu wechselnden Schwelle ist Handarbeit mit der Stopfhacke, Also: Jacke aus, Hemd aus und die Muskeln spielen lassen:

24 Schotter aufhacken _kl.JPG


Die Stopfhacke ist eine bahnspezifische Abwandlung der üblichen Spitzhacke, mit der der Schotter einerseits aufgehackt, andererseits auch manuell verdichtet werden kann. Hier die zugehörige Zeichnung aus Reichsbahnzeiten:

98 Stopfhacke DRG.JPG


Alfons hat das Schotterfach mit der Gabel vollständig freigelegt – er bevorzugt im Gegensatz zu seinen Kollegen übrigens noch die guten alten Hosenträger:

25 Schotter gabeln _kl.JPG


Nun können die Muttern der Holzschwelle gelöst werden, damit ist die Schwelle vom Gleisrost getrennt …...


26 Mutter lösen Holzschwelle _kl.JPG


… und kann mit der Schwellenzange erst nach rechts in das freie Fach und dann zur Seite ausgeschoben werden:

27 Holzschwelle schieben _kl.JPG


Dann geht’s zur Sache: Das Einziehen der schweren Betonschwelle erfordert die geballte Kraft der vier Männer:

28  Betonschwelle einziehen _kl.JPG


Sie wird dann mittig ausgerichtet und mit den gleichen Muttern angeschraubt.
Mittlerweile hat sich natürlich auch die Dorfbevölkerung eingefunden, um das seltsame Treiben zu beobachten. Das gefiel Helmut Säuberlich ganz und gar nicht - Bauer Hippenstiel musste seinen Normag-Traktor wieder ein gutes Stück zurücksetzen, um die Bildreportage nicht zu stören.

29 Betonschwelle anschrauben.jpg


Der Schotter wird mit der Gabel wieder eingebracht und mit der Hacke gestopft. Ein bisschen Feinputz und Aufräumen, dann war´s das schon.

30 Schotter einbringen.jpg


Extraeinlage für den Fotografen: Rudolf peilt fürs noch mal über die Schiene – erwartungsgemäß hat der Austausch einer einzigen Schwelle die Gleislage nicht sichtbar verändert.

31 Lagepeiler _kl.jpg


Es ist vollbracht: Helmut Säuberlich bedankt sich bei der fleißigen Rotte und kündigt an, dass seine Bildreportage im Jahresbericht der BD Wuppertal einfließen wird, als Beispiel für einen kleinen Schritt auf dem Weg, die Gleisinstandhaltung zu rationalisieren.

32 Fotografen-Abschied.jpg


Sprach´s und verschwand in der Draisine, die sich Richtung Schee auf den Weg machte.

Die Stimmung lockerte sich daraufhin deutlich, für die Mittagspause konnten man auf die in der großen Holzkiste gebunkerten Vorräte zugreifen – die Schlipsträger müssen ja nicht alles wissen :-).

33 Pausenbier.JPG


Helmut Säuberlich war von 1947 bis 1983 bei der Lichtbildstelle der BD Wuppertal beschäftigt, Er war einer der Pioniere der Farbfotografie, wobei er seine Schulungen und anfangs sogar die technische Ausrüstung aus eigener Tasche finanzierte. Ein besonderes Kennzeichen seiner meist im Mittelformat 6x6 erstellten Fotografien waren häufig wie zufällig im Vordergrund drapierte junge Damen, meist Kolleginnen aus der Lochkartenstelle der BD oder Angestellte seines Fotoladens.

Hier ein typisches Beispiel aus 1961:

82 Säuberlich Bild 1961.jpg


Und auch diesmal hat er ohne Wissen der Hauptakteure noch eine Abschlussszene arrangiert: Als Auszeichnung für gute Arbeit hat eine der "Lochkarten-Damen" einen halben Tag frei bekommen, um Helmut Säuberlich begleiten zu können. Diese Ausflüge waren durchaus beliebt – das Ergebnis waren immer schöne Farbbilder und manchmal sogar eine Veröffentlichung in einem Prospekt oder einer Fachzeitschrift.

Helmut hatte die Draisine in Schee verlassen. Dort wartete bereits Helga, der er ganz mutig seinen blauen Brezelkäfer für die Anreise aus Wuppertal überlassen hatte. Helmut hat sich für Bild des auf der Strecke Richtung Sprockhövel heimkehrenden Klv bereits eine Stelle am Bahndamm an der Ausflugsgaststätte Quellenburg ausgesucht, in die er Helga nach ihrem Auftritt zu einzuladen gedachte. Der Käfer wurde kurzerhand auf der Wiese abgestellt. Dem Kofferraum entnahm er seine geliebte Hasselblad-Kamera, um mit einem Weitwinkelobjektiv fotografieren zu können.

In der Wartezeit auf den Kleinwagen knatterte ein Steinbecker VT95 vorbei, den er als Beifang kurzerhand ablichtete, mit Helga im Vordergrund.

41 Vorbeifahrt Schienenbus _kl.jpg


Dann kündigte sich der Kleinwagen endlich mit lautem Heulen an – es ging ja schließlich heim, da lief der Deutz mit voller Drehzahl. Helga nahm ihren Platz ein. Die drei Helden auf der Sitzbank waren ziemlich verblüfft und konnten ihre Wicküler-Flaschen gerade noch rechtzeitig hinter der Werkzeugkiste abstellen ….

42 Vorbeifahrt Klv _kl.jpg


Das war´s dann aber auch: Auftrag erledigt. Ziemlich viel Aufwand also für den Wechsel einer einzigen Schwelle – aber nun, man wollte ja schließlich glänzen, wenn die hohen Herren aus dem fernen Frankfurt riefen …..


Soweit zum Schwellenwechsel auf´m Land, mit einfachen Handwerkzeugen und viel Muskelkraft. In der nächsten Folge geht es in den Süden, dort sehen wir, wie ein solcher Auftrag im Hauptbahnumfeld abgewickelt wird, mit deutlich mehr Aufwand und Technik.


Bis dahin - viele Grüße und frohe Weihnachten!
Im Namen des Gleisbau-Teams

Manfred


PS:
Dass das Thema Alkohol bei Gleisbaurotten durchaus nicht aus der Luft gegeriffen ist, zeigt dieses zeitgenössische Bahnvideo mit aus heutiger Sicht herrlichen Szenen:

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Go Fleiter
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Registriert: So 11. Jun 2017, 20:04

Folge 2: Betonschwellentest in Müllheim

Beitrag von Go Fleiter »

Für den Feldtest für die Eignung einiger neuer Betonschwellensorten ist die besonders kritische Stelle im Tunnel "Neuer Stein" (km 10,1) bestens geeignet.
Der dortige saure Niederschlag macht auch den Holzschwellen zu schaffen.
Der Direktionsfotograf ist nicht gekommen, weil ihm das Fotografieren im Tunnel zu aufwändig war. Deshalb hat einer der Leute in einen Farbfilm investiert und mit seiner Agfa Klickbox ( https://www.google.com/search?q=agfa+Bo ... ws-wiz-img ) einige Bilder geknipst. Im Tunnel waren seine Bilder allerdings nichts geworden…

So lief 1958 der Schwelleneinbau in Müllheim ab (Gleisplan und Landkarte hier: https://www.drehscheibe-online.de/foren ... sg-8575100 ):

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Bild 1: V 36 234 holt einen Gerätewagen mit Generator usw. sowie einen Klv- Anhänger mit Kompressor von der Gerätewerkstatt im BW2 ab (Inventarliste s. Bild 9).

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Bild 2: Der Zug passt so eben auf die Schiebebühne

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Bild 3: an den abgebügelten E- Loks des BW 2 und der Verschiebe-Köf vorbei…

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Bild 4: …geht es zur "Spitzkehre" an der Drehscheibe. Weiche 101 hat keine definierte Grundstellung und daher ein gelbes Wurfgewicht (hinter dem Fahrleitungsmast).

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Bild 5: Hs 81 sichert die Zufahrt zum Umfahrgleis des Gbf

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Bild 6: Hs 73 II im Gbf zeigt ebenfalls Sh1

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Bild 7a*: Generatorwagen und Kompressorwägelchen werden auf Gl. 76 geschoben.
Im Hintergrund die Cradonag- Werke

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Bild 7b*: Die V36 hat ihre Fuhre auf Gl. 76 abgehängt, um zunächst die beiden vom Gleislager bereitgestellten Werkstattwagen von Gl. 77 abzuholen. Sie muß erst die E 50 vorlassen, um dann…

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Bild 8*: …, nach der E 94, den 3-Achser von Gl. 76 vor den Schotterwagen auf Gl. 77 zu setzen, aber den Klv- Anhänger mit dem kompressor noch stehen zu lassen.

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Bild 9: Jetzt kann die Gleisbaurotte mit ihren Schaufeln und Werkzeugen auf den Rms 31 aufsteigen und das Kompressorwägelchen abholen.

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Bild 10: Am Reiterstellwerk wird Kopf gemacht…

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Bild 11: … und der Vorarbeiter steigt zu. Er hatte mit seiner Klv 12 Draisine die Baustellenschilder Lf 1 "50 kmh", Lf 2 "Anfang" und Lf 3 "Ende" an beide Seiten des Tunnels gebracht und dort aufgestellt. Ab jetzt muß der Sicherungsmann dem Lokführer mit der Fahne signalisieren.

Leute und Inventar sind nun komplett:
-Wagen 1 und 2 Werkstattausrüstungen und Material
-Wagen 3 mit Generator ( https://www.google.com/search?q=Wehrmac ... ws-wiz-img ), Benzin, Kabelrollen, Verteilerschrank, Scheinwerfern, Druckkluftschläuchen, Fittings, Schleifmaschine etc.
-Wagen 4 mit Neuschotter, Robel Motorschrauber ( https://www.google.com/search?q=Robel+S ... ws-wiz-img ), Rollplattform, Stehleiter
-Wagen 5 mit Fässern für Benzin u.a., Rippenplatten, Schienenschrauben, Werkzeug, Gitterboxen mit Thermit- Tiegeln und Schamotte- Schienenformhälften, Palette Thermitsäcke ( https://www.google.com/search?q=thermit ... AhgCIAIoAg ), Bierkasten, Leiter, Schaufeln und Hacken, Preßluftstopfern ( https://www.google.com/search?sca_esv=a ... 4&dpr=2.61 ) und Preßluftwarnhorn, Schweißkarre (blaue Gasflasche: Sauerstoff, gelbe: Azetylen) und eben die Betonschwellen
-Wagen 6: Klv- Anhänger mit Kompressor

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Bild 12: Hs43 II ist auf "Frei" gestellt und mit maximal 20 kmh wird der Bauzug über nun gen "Tunnel Neuer Stein" geschoben

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Bild 13*: das Gleis nach Neuenburg wird mit einer Sh 2- Tafel gesperrt (links).
"Wenn ein Lokführer sie nicht sieht, scheppert es wenigstens ordentlich", schrieb mir ein solcher.

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Bild 14*:
- auf dem gesperrten Gleis: der Bummelzug
- auf dem falschen Gleis überholt ein Güterzug mit einer 41er

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Bild 15*: Die 41er darf am gelben Lf1- Signal mit 50 Sachen vorbeidampfen

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Bild 16: Wenn die Fuhre an den Baustellenschildern Lf2 (A) und Lf3 (E) vorbei ist, hat sie fast die Baustellenbasis bei km 9,9 erreicht.

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Bild 17: Der Lokführer spricht sich kurz mit dem Rottenführer ab

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Bild 18*: Rollplattform, Stehleiter und Beleuchtung sind schon abgeladen, die Leitung vom Generator zum Schaltschrank liegt. Der Sicherungsmann hat seine Fahne geschultert und trägt sein Preßluftwarnhorn in Position.

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Bild 19: Hier wird das Material zum km 10,1 in den Tunnel geschoben. Die Gitterbox auf dem Rollbrett ist aufgeklappt um die Thermittiegel und Schamotte- Formsteine für das Verschweißen der Schienen entnehmen zu können. Die dahinter stehende Schweißkarre wird zum Vorwärmen benötigt.

Betonschwellen und Kompressor werden später auch reingeschoben werden, denn seine Schläuche kann man nicht beliebig verlängern, die Lampenkabel aber schon. Links hebt der Arbeiter einer der schweren Preßluftstopfer auf. Die Bierflaschen neben dem Sicherungskasten bleiben vor dem Portal, damit nicht versehentlich eine zerbricht.
Die Fotos im Tunnel waren ja leider nichts geworden.

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Bild 20: Der Umbau ist fertig. Die vordere Bordwand des Rms 31 ist noch heruntergeklappt. Die Thermittiegel, Teile der Schienen- Formsteine, des Neuschotters und des Bieres sind verbaucht. Weil damals ALLE ordentlich waren, kommen die fehlenden Flaschen nach dem Leeren auch noch in den Kasten :D .
Der Altschotter und einige der Altschwellen sind schon verladen.

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Bild 21*: ach ja, da kommen noch weitere Altschwellen. Es wird weiter aufgeräumt.

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Bild 22: Inzwischen ist, bis auf die Lampen, alles verstaut und es geht zum Feierabend (jetzt alles rückwärts lesen :D ).

Der Rottenführer muß später noch mit seiner Draisine los und die Baustellensignale vor und hinter dem Tunnel einsammeln und den Schreibkram erledigen. In einigen Tagen wird der Streckenläufer die Schwellen nochmal genau prüfen.

Dann ist dieser Teil des Projektes abgeschlossen.

LG! Go Fleiter

PS. 1: ca. am 05.01.2026 kommt eine Ergänzung mit Einzelheiten zur Entstehung dieses und der anderen Beiträge

PS. 2: Leider kann ich z.Zt. nur Handybilder ohne Stativ machen, deshalb sind "Focus stacking-" Bilder nicht per KI zusammengesetzt, sondern per Hand und deshalb nicht fehlerfrei.

* 7a: Weichenlaterne und Schiebetür standen falsch: beides händisch beseitigt (neues Foto z.Zt. nicht möglich)
* 7b, 8, 13, 14, 15, 18: händisches "focus stacking" ( https://www.google.com/search?q=focus+s ... nt=gws-wiz )
*21: Um die Anlagenkante hier zu verstecken, habe ich ein Eckchen Wiese einkopiert

Copyright Fleiter/ Pempelforth: Freigabe hier ( https://www.drehscheibe-online.de/foren ... sg-8778603 )
Verzeichnis der Go Fleiter-/ Egon Pempelforth-Anlage im DSO:
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Klaus Eckermann
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Re: Großversuch mit Betonschwellen (Weihnachten 2025)

Beitrag von Klaus Eckermann »

Folge 3: Einbau von zwei Betonschwellen auf der Rollbahn

Die „Rollbahn“ Kursbuchstrecke 218 verbindet das Ruhrgebiet mit den Nordseehäfen Bremen und Hamburg. Durchgehend in Betrieb genommen wurde sie von der Cölln-Mindener-Eisenbahn-Gesellschaft (CME) 1873, zunächst weitgehend eingleisig. Die hohe Auslastung erforderte aber schon bald einen zweigleisigen Ausbau, dessen letzter Abschnitt 1884 fertiggestellt wurde. Bis 1968 zogen vornehmlich Dampfloks die Züge. Dann war die Strecke komplett elektrifiziert. Ab den 1970er Jahren wurde sie für 200 km/h ausgebaut. Dazu wurden etliche Kurven in größeren Radien verlegt, zum Teil auch ganze Bahnhöfe „verschoben“, wie zum Beispiel der kleine Bahnhof Lemförde, und niveaugleiche Bahnübergänge durch Brücken oder Unterführungen ersetzt.

Die hohe Zugfrequenz und die z.T. sehr schweren Züge machten die Rollbahn zu einer geeigneten Teststrecke für Betonschwellen. Hier gab es einen breit gefächerten Mix an Belastungsfällen. TEE und F-Züge kamen mit hoher Geschwindigkeit aus der südlich davor liegenden engen Kurve angerauscht, die voll beladenen Kohlenganzzüge nach Hamburg und Bremen brachten, insbesondere wenn sie in der Ausweichstelle Drohne warten mussten, auch die rohen Anfahrkräfte der schweren Osnabrücker 44er „Dampfer“, und natürlich kurze und lange, langsame und schnelle Güter- und Personenzüge aller Art. Die 44er vor den Kohlen-Ganzzügen erschütterten regelmäßig den Bahndamm und die Umgebung spürbar. Meine Eltern wohnten nur etwa 100 m von der Strecke entfernt und erlebten zweimal, dass die große Glasscheibe der Balkontür einen Sprung bekam.

Vorgesehen für die Testinstallation war eine Stelle an der Blockstelle Dielingen (km 152,3) in Fahrtrichtung Norden.
(00) Blockstelle Dielingen Original.jpg
betra bohmte.jpg
(01)_12336 Klv auf freier Strecke.jpg
Bild 1: Zwei Mitarbeiter der Bahnmeisterei Diepholz bringen mit ihrem Klv51 zwei Spannbetonschwellen vom Typ B58K zur vorgesehenen Einbaustelle an der Blockstelle Dielingen (km 152,3). In Lemförde haben Sie auf das Gegengleis gewechselt und nutzen jetzt eine Lücke im Fahrplan, um die letzten 3 km auf dem „falschen“ Gleis zurückzulegen.
(02)_12347 Betonschwelle vom Klv abladen.jpg
Bild 2: Jede der beiden Betonschwellen wiegt über 200 kg. Sie müssen daher mit dem Robel-Kran des Klv vom Wagen gehoben und neben das Gleis gelegt werden. Auf dem Gegengleis braust gerade der F34 „Gambrinus“ von Hamburg nach München vorbei.
(03)_12357 Betonschwellen am Bahndamm abgelegt.jpg
Bild 3: Das Ganze muss schnell gehen, denn der Zugverkehr auf der Strecke soll so wenig wie möglich aufgehalten werden. Der Klv fährt daher unverzüglich zurück nach Lemförde und während der nächsten Fahrplanlücke weiter nach Diepholz.
(04)_12372 Bautrupp angekommen.jpg
Bild 4: Die Einbaustelle liegt an ainem Bahnübergang und ist auch über die Bundesstraße 51 gut zu erreichen. Der Bautrupp rückt mit einer VW T1 Doppelkabine und einem neuen T2-Bulli an. Die Werkzeuge, die Schraubmaschine und die beiden Stopfmaschinen sind ausgeladen. Sobald der Ganzzug mit Ruhrkohle nach Hamburg vorbeigefahren ist, geht es an die Arbeit im Gleis. Die 44 muss sich mächtig mühen, um ihren schweren Kohlen-Ganzzug nach dem Halt in der Ausweichstelle Drohne wieder in Schwung zu bringen.
(05)_12388 Sicherungs-Posten.jpg
Bild 5: Queben Willi hat sich mit seinem Signalhorn ein Stück Richtung Bahnübergang postiert, um seine Kollegen rechtzeitig vor herannahenden Zügen warnen zu können. Heinrich Windhorst, der gerade Dienst auf der Blockstelle hat, behält die Arbeiter im Blick.
(06)_12391 Schrauben loesen.jpg
(07)_12394 Schotter entfernen.jpg
Bild 6 und 7: Da nur in den kurzen Zeiten zwischen zwei Zügen gearbeitet werden kann, werden leichte, aber effektive Maschinen eingesetzt, die jederzeit schnell aus dem Gleis gehoben werden können. Für die Schraubmaschine, mit der die Schrauben gelöst werden, sind dazu zwei Mann erforderlich.
(08)_12400 Schotter entfernen bei Gueterzug auf Gegengleis.jpg
Bild 8: Wegen des Güterzuges auf dem Nachbargleis wird die Arbeit nicht unterbrochen, aber Vorsicht ist geboten.
Bild 9: Zwischen den beiden auszubauenden Holzschwellen wird der Schotter beiseite geschaufelt, so dass die beiden Holzschwellen, nachdem alle Schrauben entfernt worden sind, in die Lücke abgesenkt und herausgezogen werden können.
(09)_12451 erste Betonschwelle einbauen.jpg
(10)_12473 Ausrichten erste Betonschwelle Blick vom Stellwerk.jpg
(11)_12436 Warten auf vorbeifahrenden TEE.jpg
Bild 10 und 11: Die erste Betonschwelle ist unter die Schienen geschoben und wird ausgerichtet.
Bild 12: Queben Willi hat getutet und alle Mann müssen einschließlich Werkzeug schnell aus dem Gleis, denn
Bild 13: der TEE 44 „Parzival“ Hamburg-Paris kommt angebraust.
(12)_12422 TEE faehrt ueber Baustelle.jpg
(13)_12476 Einsetzen zweite Betonschwelle.jpg
(14)_12478 Einziehen zweite Betonschwelle.jpg
(15)_12482 Einschieben der zweiten Betonschwelle.jpg
Bild 14, 15 und 16: Die zweite Betonschwelle wird unter die Schienen geschoben. Die gut 200 kg erfordern den vollen Einsatz von vier Mann.
(16)_12489 Schrauben Betonschwellen anziehen.jpg
(17)_12495 Schrauben anziehen unter Aufsicht Baurat.jpg
(18)_12498 Schrauben Betonschwellen anziehen Aufsicht Baurat.jpg
Bild 17 und 18: Mit der Schraubmaschine werden die Schrauben auch der zweiten Schwelle angezogen, nachdem sie ausgerichtet worden ist.
(19)_12506 Schotter stopfen.jpg
(20)_12511 Schotter stopfen.jpg
(21)_12512 Schotter stopfen.jpg
Bild 19, 20 und 21: Dann muss der wieder zurück geschaufelte Schotter mit den Stopfmaschinen unter den Schwellen verdichtet werden, so dass das Gleis fest liegt. Der auf dem Gegengleis vorbeifahrende Personenzug nach Osnabrück hindert sie nicht, aber es ist dennoch große Achtsamkeit geboten. Aus Minden ist inzwischen Oberbaurat Heinrich Windhorst vom Bundesbahn-Versuchsamt angekommen, um die Arbeiten in Augenschein zu nehmen und ein paar Fotos zu machen.
(22)_12536 Betonschwellen aus Lokfuehrer-Sicht.jpg
Bild 22 und 23: Die neuen Schwellen sind eingebaut. Lokführer Friedhelm Piepmeyer auf der BR 01.10 vor dem F 34 „Gambrinus“ München-Hamburg wundert sich ein wenig über die „weißen“ Flecken im Gleis und die Herren, die am Bahndamm stehen, aber er ist informiert über die Versuchsreihe und schärft alle Sinne, ob ihm beim Überfahren der Stelle etwas auffällt. Tut es nicht, und er braust mit voller Kraft weiter Richtung Hamburg.
(23)_12540. F34 Gambrinus an Baustellejpg.jpg

Das wars von der Rollbahn-Baustelle. In der nächsten Folge gehts auf ein Viadukt

Viel Freude und Anregung beim Lesen

Klaus
Zuletzt geändert von Klaus Eckermann am So 28. Dez 2025, 13:08, insgesamt 2-mal geändert.
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Hajo Wagner
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Re: Großversuch mit Betonschwellen (Weihnachten 2025)

Beitrag von Hajo Wagner »

Hamburg, Oktober 1964 Saalehafen Streckenbegehung

Bild 1 Saalehafen-min.jpg



Streckengänger Fiete B. freut sich über einen vermeintlich ruhigen Arbeitstag im goldenen Oktober. Auf seinem Dienstplan steht die Begehung der Gleisanlagen im Saalehafen der Hamburger Hafenbahn an. Die Anlagen dort zählen ja nicht zu den stark befahrenen Gleisanlagen, sodass Fiete B. davon ausgeht, dass sich seit der letztjährigen Begehung nicht viel verändert hat, doch es sollte anders kommen.

Bild 2 Streckengeher-min.jpeg



Auf Höhe des Lagerhaus F entdeckt er im Gleis eine Verunreinigung, die auf den offensichtlichen Austritt einer zähen Flüssigkeit zurückzuführen ist.

Bild 3 schwarzes Gleisbett-min.JPG



Der erste Verdacht ging auf den vermeintlichen Kesselwagen der auch heute noch existenten Hamburger Firma Johann Haltermann, der zwar fast werksneu aussieht, aber das heißt ja nix. Das flugs hinzugezogene Personal von seiner Einsatzstelle kann jedoch keine Austrittsspuren feststellen.

Bild 4 Haltermann Hamburg-min.jpeg



Fiete B. ruft über Funk im Büro bei der Hafenbahn Hamburg an, deren Chef sich sofort auf den Weg macht.

Bild 5 Chef kommt-min.jpg



Henning W. hatte bereits als Lehrling bei der Hafenbahn angefangen und wollte ursprünglich Lokführer werden. Seine Rot-Grünschwäche machte ihm einen Strich durch die Rechnung, sodass er froh war, bei der Bahnmeisterei (Bm) eine Anstellung in der Gleisinstandhaltung bekommen zu haben um seinen Traumberuf Eisenbahner nicht ganz aufgeben zu müssen. Durch harte Arbeit, abends büffeln für die weiterführende Meisterschule hat er sich nun zum Chef hochgearbeitet und zeigt das auch gerne durch seinen brandneu erworbenen Opel Kapitän A. „Was ist denn das fürn Schietkram?“ murmelt er vor sich hin. Auch er hat in seiner langjährigen Karriere noch nicht mit einem solchen Fall zutun gehabt und so beschließen die Beiden, die Feuerwehr zu rufen, die auch alsbald mit ihrem bestens gepflegten L319, der als GW (Gerätewagen) Öl seinem Dienstende bei der Hamburger Feuerwehr entgegensieht.

Bild 6 L319 GW Öl der Hamburger Feuerwehr-min.jpg


Heino B., Zugführer des Ölbekämpfungszugs, kommt mit seiner Mannschaft an den Gefahrenort. Nach ausführlicher Begrüßung (mittelbare Gefahr ist ja nicht im Verzug) und erste Inaugenscheinnahme ist man sich schnell einig, dass das Ausbringen von Bindemitteln kaum den Schaden mildern würde. „Tja Henning“ sagt er (die Beiden kennen sich schon seit Jahren und haben schon zu Schulzeiten in Mümmelmannsberg zusammen auf dem Bolzplatz gekickt) „da hilft nur eins: Schwellentausch und den schmodderigen Schotter raus. Das muss alles neu!“ Unser Chef der Bm ist etwas geknickt, hat er doch heute andere wichtige Baustellen zu bedienen, aber als alter Hamburger sagt er nur: „watt mutt datt mutt“ und trommelt seine Rotte zusammen, die sich mit Mann und Maus auf den Weg machen.

Bild 7 die Rotte läuft ein-min.jpg



Die Ersten kommen mit ihrem Bulli (VW T1 DK Bj. 58) an die Unfallstelle, sehen die vermeintliche Arbeit, die auf sie zukommen wird und murmeln: „….watt‘n Schiet-Tach!“ und haben den schnellen Feierabend schon vor ihrem geistigen Auge abgeschminkt. Was nützts? Baustelle einrichten, Gleis sperren können sie ja schon mal. Die Maschinen kommen mit der auf dem Bauhof liebevoll restaurierten Hofhund (DEUTZ OMZ 122 R Bj. 1934), der als eiserne Reserve vorgehalten wird, und einem alten Reichsbahnwagen, der in schicker, grauer Lackierung als Gerätewagen fungiert. Die eigentliche Betriebslok ist noch auf einer anderen Baustelle unterwegs und wird später dazustoßen. Schnell sind Schwellenschrauber, Brechstangen und anderes Gerät abgeladen und auch schon im Einsatz


Bild 8 Rotte bei der Arbeit-min.jpeg



Die auszutauschenden Schwellen wurden ja bereits von unserem Bm-Leiter markiert und der Motorschrauber bereits im lauten Einsatz. Die anderen Jungs von der Rotte haben bereits die Schwellen vom Schotterbett befreit.
Der 3. Bautrupp wurde kurzerhand von einer anderen Baustelle abgezogen. Der liebevoll gepflegte Deutz Merkur Allrad-Rundhauber (Bj. 1955) bringt den Bagger der Bm, einen ATLAS AB 1200 (genannt „Maikäfer“,Bj. ab 1960)) zur Baustelle.

Bild 9 Atlas AB1200 und Mercur-min.jpg



Ein paar Schwellen laden und ca. 15m Gleisbett auskoffern: das müsste doch bis Feierabend zu machen sein, denkt sich Gerald F., als er die Anweisungen seines Vorarbeiters erhält. Schnell macht er sich an die Arbeit, lädt „den ollen Schiet“ (heute würde man „das kontaminierte Altmaterial“ dazu sagen) auf den Mercur, den Dieter B. mit laut brüllendem Motor (DEUTZ 90PS luftgekühlt) bereits die erste Fuhre auf den Betriebshof fährt. Eine bessere Idee haben die Jungs leider nicht.


Bild 10 Abtransport-min.jpg


Derweil befragt Henning W. den Lokführer der nagelneuen V60, der hier ja eigentlich jeden Schotterstein mit Vornamen kennt, ob er denn den Schadwagen verorten könnte. „Jo“ sagt er „kiek mol do wedder, dort müsste sowas stehen…“ schloß die Scheibe und machte sich auf den Weg zum Feierabend, während er bei sich dachte „lass die doch suchen, wenn die aus so einem bisschen Dreck auf den Schienen so ein Gedöns machen. Früher, als ich noch als Heizer auf einer 87 gefahren bin und keinen Bock auf Abschmieren der Zahnradantriebe hatte, hab ich einfach die Ölkanne in der Untersuchungsgrube umgekippt und dem Lokführer gemeldet, dass die Getriebe wieder mächtig Öl verbraucht hätten….“


Bild 11 Lokführerbefragung-min.jpeg


Der Tag ist vorangeschritten und Fofftein (so bezeichnet man im Hafen die Pause) naht. Wie Manfred schon ausführlich geschrieben und mit Videobeweis belegt hat, hat man nicht nur im Gleisbau zu Bier ein ganz besonderes Verhältnis. So schnell kann unser Rottenführer Karlheinz überhaupt nicht gucken, wie die Kiste geleert wird. Die grünen Flaschen mit der silbernen Bierhalsfolie zeugt auf einen Nichthamburger Ursprung. Vermutlich ist das die Plörre aus Bremen, die der Neue als Einstand mitgebracht hat und niemand trinken wollte. Lieber verdursten wollen sie alle dann doch nicht.


Bild 12 Fofftein-min.jpg


Mittlerweile ist die Betriebslok (O&K MB 10 N Bj. 1964) rangierdiesel.de - O&K - MB 10 N mit einem ehemaligen Reichsbahn-Schüttgutwagen der Bauart Stuttgart (Talbot) angekommen und hat den darin vorgehaltenen Schotter angeliefert. Der Maikäfer ist schon am Planum geradeziehen.

Bild 13 ATLAS AB1200 Planum-min.JPG



In der Zwischenzeit hat unser Bm-Leiter alle Hebel in Bewegung gesetzt, um an neue Schwellen zu kommen. Das Lager mit Holzschwellen der Hafenbahn-Bm ist seit der letzten Baustelle komplett leer und Nachschub noch nicht eingetroffen. Seine gute Vernetzung im Hamburger Hafen hilft ihm auch dieses Mal wieder: der Chef der Oiltanking (Nachfolger der Hamburger Marquard & Bahls) hilft mit einer Lieferung von 20 nigelnagelneuen Betonschwellen, die eigentlich im stark befahrenen kritischen Bereich seiner Haupteinfahrgruppe eingebaut werden sollten. „Watt mutt datt mutt“ (das scheint so eine Hamburger Redensart zu sein) secht Hans A., als er von Henning W‘s Sorgen hört und schickt seine neue Henschel mit einem Rmmso zum Saalehafen, wo die Anlieferung schon sehnsüchtig erwartet wird. Insgeheim ist ihm das sogar recht, denn er weiß um das Gewicht der Betonschwellen…

Bild 14 Schwellen der Oiltanking Hamburg-min.jpg


Betonschwellen? Sind das nicht die schweren Dinger? Das Genöhle der Rotte ist unüberhörbar: von wegen 4 Mann – 4 Ecken! Das ist bei Betonschwellen mit ihren 240kg schlichtweg unmöglich. Also muss Gerald F. doch noch Überstunden schieben und diese mit seinem Maikäfer vom Wagen abladen und mithilfe der Rotte unter den in der Luft hängenden Schienen einfädeln…


Bild 15 Schwellen abladen und einfädeln-min.JPG


…während der Schwellenschrauber schon im Einsatz ist. Die Schwellen werden mit Knippstangen und Muskelkraft angehoben und der Schrauber zieht diese dann ans Gleis, während die Rotte mit druckluftbetriebenen Stopfhämmern den Schotter unter die Schwelle bringen.


Bild 16 Schwellen stopfen-min.JPG



Die Höhe ist ausschlaggebend und so darf der Polier Günther T. über die Schienen peilen und dem Bautrupp Anweisungen zurufen.


Bild 17 der Peiler-min.JPG


Natürlich braucht auch die Hafenbahn ein vernünftiges Abnahmeprotokoll und deshalb werden die Jungs aus dem „Krawattensilo“, also die „Kopfgesteuerten“ aus den Büros an die Baustelle zitiert, um diese ordnungsgemäß zu vermessen.

Bild 18 Stangenhalter-min.JPG
Bild 19 Messheini-min.JPG



Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Henning W. bekam zu Weihnachten eine Gratifikation in Form vom einem Faß Bier und ein paar Flaschen Helmling, die Jungs von der Rotte jeweils eine Flasche „Linie“ für ihre gute Idee, den Hofhund nicht zum Schrott gefahren zu haben und so waren alle zufrieden bis auf die Möwen, die auf eine verlorene Stulle oder ähnliches gehofft haben.

Bild 20 Möwen-min.jpg



damit übergebe ich den Staffelstab und wünsche Euch allen ein gesundes Neues Jahr!
Hajo
Bild
H A M B U R G - Das Tor zur Welt
Michael Böttcher
Beiträge: 59
Registriert: Mo 27. Feb 2023, 15:03

Re: Großversuch mit Betonschwellen (Weihnachten 2025)

Beitrag von Michael Böttcher »

Zwei Versuchs- Betonschwellen für das Zettertal

Wie im HVB Schreiben schon erwähnt, soll eine Reihe neu entwickelter Betonschwellen in Gebieten mit sehr unterschiedlichen geo- und meteorologischen Bedingungen getestet werden. Als eines dieser Gebiete wurde das Zettertal ausgewählt. Der Betrieb ist Ende der 50er Jahre ebenso stabil wie rentabel. Einige Reisezüge für die Pendler und verschiedene Güterzüge für den Abtransport der reichlich vorhandenen Rohstoffe (u.a. Eisenerz, Granit und Holz) lasten die Strecke durchaus gut aus.

Interessant für die Versuchsreihe mit den neuen Betonschwellen wird das Zettertal dadurch, dass bei Granit-hartem Untergrund auch sehr spezielle meteorologische Verhältnisse vorherrschen: häufiger Nebel durch das Bachbett im Tal, in den Wintermonaten bei erheblicher Kälte und niedrigem Sonnenstand keinerlei Sonneneinstrahlung.

Also sollte es an einem Sonntag im Spätsommer 1958 losgehen. Die grundlegenden Vorbereitungen waren getroffen. Also machten sich vier Mann und ein Skl von der Bahnmeisterei Dehweiler, ausgerüstet mit den beiden Betonschwellen und einer Werkzeugkiste an die ausgewählte Stelle. Nachdem das Werkzeug abgeladen war, kam es wenig später offenbar zu einer “kritischen“ Situation:

01 mann-pass-doch-auf.jpg



Nun stehen die Vier da, wie die Hühner auf der Stange, den Blick von der Brücke nach unten gerichtet, was war denn da los???
Mmmhhh, SO sollten die Schwellen natürlich nicht "verlegt" werden, das war bestenfalls suboptimal gelaufen...

02 schwellen unten.jpg


Wie das halt so ist, 4 Mann, 4 unterschiedliche Ideen, eine nicht so geniale war die, beide Betonschwellen in einem Schwung abzuladen. Dazu die Enge durch Tunnelbereich und Telegrafenmast, also wurden die beiden Betonschwellen als eine Kranladung am Anfang der Brücke auf den Haken genommen, der Kranausleger stand wohl ein bisschen arg weit über den Brückenrand hinaus, plötzlich passierte, was passieren musste, die Krankette gab unvermittelt auf...

03 schwellen fallen.jpg


... und beide Schwellen purzelten sogleich der Schwerkraft folgend in die Tiefe.

Nicht nur unser Oberwerkmeister Rührich war gelinde entsetzt: "BOAAAAMAAANN, PASST DOCH AUF...!!!" Als wenn er das mit den beiden Schwellen “auf einmal“ nicht mit entschieden hätte...

Nutzte nichts, die Dinger waren weg.
Tatsächlich war in der Werkzeugkiste noch eine Ersatz-Krankette verstaut, die erstmal wieder eingebaut werden musste. Wie konnte es jetzt weitergehen?

"So Männer, Kiste aufladen. Dann fahren wir mal eben zum Fernsprecher, melden uns an und dann zurück an die Rampe, hoffen wir mal, dass der Schwellenwagen noch da steht.
Und zu "allem Glück" hat der Willem Ölgemeier Stellwerkstdienst, der stellt sich immer so an...“

Der erste Versuch war offensichtlich krachend gescheitert.

Jetzt kurz der Blick zurück auf das, was sich einige Tage zuvor in Vorbereitung auf die Bauarbeiten abgespielt hat

Hier sehen wir den mit den Betonschwellen beladenen Flachwagen in einem Nahgüterzug unter Führung einer 64er auf dem Weg nach Dehweiler:

04 schwellenüberführung.jpg


Nachdem die 64er den Flachwagen mit Schwellen in Dehweiler abgesetzt hatte, war es Aufgabe der Bahnhofsköf, den Wagen an der Rampe bereit zu stellen. Zuvor musste allerdings ein G-Wagen abgezogen werden. Die Köfmannschaft war nur mittelmäßig begeistert, noch mehr Arbeit. Den G-Wagen abziehen und kurz “wegstellen“, den Flachwagen an die Rampe bringen, wieder vor den G-Wagen fahren und ab zurück nach Dehweiler...

Hier sind Köf und Flachwagen kurz davor, den G-Wagen an der Rampe anzunehmen. Der Rangierleiter gibt schon mal das Rangiersignal "langsam", Egon der Köfbediener ist genervt:

"...Herbert dieser Dussel, der winkt andauernd mit dem falschen Arm, kannste ja kaum sehen, die Rangiersignale..." Egal, auch diesmal ist es wieder gut gegangen.

05 flachw zustellen.jpg


Zurück ins Jetzt:

Oberwerkmeister Rührich stand am Streckenfernsprecher und sprach das weitere Vorgehen mit dem Fahrdienstleiter Dehweiler ab, ihm schwante ja schon Böses und so klang das dann von der anderen Seite: “Waaaaas, mal eben zwei Schwellen aufladen??? Nichts da, du tanzt beim Stellwerk an und holst dir Befehl Ad ab...“

Och ne, jetzt musste er da auch noch hin.
Haste Schhhhhh Schotter am Schuh, haste Schotter am Schuh...

06 bef ad.jpg


"Siehst du das Hauptsignal da?? Und ihr steht voll im D-Weg...!!!“

“Na gib schon her, den Wisch (kannst` ja kaum lesen, den Kram...)“

06.1 bef ad.jpg


Der Schwellenwagen war glücklicherweise noch da, auf zwei Schwellen mehr oder weniger sollte das wohl nicht ankommen, also auf ein Neues.
Wenig später dann wurden die beiden neuen Schwellen vom Flachwagen auf den Klv umgeladen, der Steinbockkran musste sich böse strecken...:

07 ladeszene.jpg


Schließlich ging es zurück an die Baustelle, wo die Vorbereitungen diesmal reibungslos vonstatten gingen. Werkzeugkiste und Betonschwellen waren schnell abgeladen, man harrte der Dinge, die da erledigt werden wollten.

"Ja nu, schraub` los, die Dinger, der Feierabend ruft..."

08 baubeginn neu.jpg


So schnell sollte es dann trotzdem nicht gehen, irgendwann war es dann geschafft.
Die beiden Betonschwellen waren eingebaut und zumindest eine alte Holzschwelle schon aufgeladen.
Unser Oberwerkmeister betrachtete sein Werk nicht unzufrieden: "So lassen wir das, seht zu, dass ihr den anderen Schrott auch noch aufgeladen kriegt und nichts wie weg hier, Feierabend!"

09 fast feierabend.jpg


Damit ging dann für die 4 Männer von der Bahnmeisterei Dehweiler ein normalerweise freier, diesmal allerdings arbeits- und ereignisreicher Sonntag zu Ende.

Heute, mehr als 60 Jahre später, sind Betonschwellen zumindest auf den Hauptstrecken Gang und Gäbe.
Es wäre schon interessant zu erfahren, was aus aus der Versuchsreihe und den seinerzeit “gelegten“ Schwellen im Zettertal geworden ist. Mindestens zwei (unwesentlich unterhalb der Gleistrasse) sind noch da, was den Angler so rein gar nicht zu interessieren scheint...

10 altschwellenangler.jpg


Etwas weiter oben fahren inzwischen bunte Züge geführt von Dieselloks, die auf Namen hören. Ansonsten hat sich im Zettertal landschaftlich wenig verändert.
Hier befördert “Conny“ einen Regionalexpress an Ihr Ziel, Zugpersonal und Fahrgäste dürften die schöne Aussicht genießen...

11 conny mit re 2025.jpg


P.S.:
Diesmal eine kleine Geschichte auf Basis einer kleinen Spurweite – 1:220, der Spur Z, eher selten in dieser Forumsumgebung anzutreffen.
Eine wirklich “andere“ Spurweite, die für mich dann auch ein “anderes“ Drehbuch für die Schwellengeschichte bedingte. So war schnell klar, Nahaufnahmen, so, wie hier in den Beiträgen zuvor eindrucksvoll vorgeführt, mit detaillierten Bauszenen in Kronkorkengröße, das wird nichts bei mir und meinem Maßstab.
Eine Story, die die “klassischen“ Arbeitsschritte einer Schwellenbaustelle bestenfalls seicht berührt innerhalb eines Rahmens, der verschiedene logistische Herausforderungen und Widrikeiten rund um ein solches Bauvorhaben anreißt, so etwas schwebte mir vor. Manfreds Tenor dazu: “...na dann mach doch einfach mal...“
Herausgekommen ist eine leicht launig vorgetragene Geschichte unter dem Motto “Pleiten, Pech und Pannen“, mit verschiedenen Szenen, jeweils etwa auf Fläche eines Bierdeckels, aber mit Happy End...

12 klv selbstbau.jpg
Schönen Gruß aus Bremen

Michael
Günther Theis
Beiträge: 13
Registriert: Fr 2. Feb 2018, 07:48

Re: Großversuch mit Betonschwellen (Weihnachten 2025)

Beitrag von Günther Theis »

Irgendwann, irgendwo im Jahr 1968.
Im Güterbahnhof wird noch fleißig rangiert. LokBiZ Eugen Kloos stellt die letzten Wagen für den DG 5560 auf Gleis 45 ab,
um dann über Gleis 44 umzulaufen und den Zug zu bespannen. Danach hat er eigentlich Feierabend, denn er ist schon 10 Stunden im Dienst! Vom Wärterstellwerk bekommt er mit der Winkscheibe, zur schnelleren Abfertigung, "Kommen" signalisiert. Die Weiche ist gelegt und "Kommen zurück"
ist erkennbar. Eugen, ein alter Kempe, zeigt mit der Hand zur Mütze an, das Signal erkannt zu haben. Schaltstufe 2, Zusatzbremse lösen, Stufe 3,4,
seine V100 bewegt sich langsam über die Weiche. Doch plötzlich eine Erschütterung, ein Rumpelgeräusch. Fahrschalter auf Null, Schnellbremsung......
Die Maschine kommt nach wenigen Metern zu stehen. Er ahnt schon was passiert ist. Die Lok steht mit dem 1. Drehgestell im Schotter. Auch der Wärter hat es mitbekommen, dieser handelt umgehend: Auf dem Stelltisch seines Dr 53 Drucktastenstellwerks werden die Gleise 44 und 45 gesperrt.
Tf Kloos meldet sich auf dem Stellwerk, keiner kam zu Schaden. Also ruhig bleiben und die Dinge, die nun folgen, geschehen lassen. Die Hilfszugbereitschaft im örtlichen Bw sowie die Bm und die Sigm werden alarmiert. Erste Schadensmeldung von Eugen: Lok mit einem Drehgestell entgleist, Puffer rechts abgerissen, Rangiertritt demoliert, Gleissperrsignal Hs 44 umgerissen, ca. 20 Schwellen stark beschädigt, Schienenbruch im Bogenstück hinter der Weiche.
Alle Dienststellen sind nun dabei, das nötige zu veranlassen. Unser "Stellwerker" hat glücklicherweise seine Rollei 35 Sucherkamera mit und hält einige Momente für die Nachwelt fest. Schauen wir etwas zu............
DSC_4160~4 Der Hilfszug und ein Skl sind zur Bergung eingetroffen..jpg
Der Hilfszug und der Klv sind zur Bergung eingetroffen.
DSC_4121~2 Die Lage wird sondiert..jpg
DSC_4157~2 Eile scheint geboten, es läuft Treibstoff aus..jpg
DSC_4158 Ein Puffer und der Rangiertritt sind beschädigt..jpg
(invalid).jpg
oh da läuft etwas aus. Kühlmittel?
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Am nächsten Morgen, die Lokomotive wurde weggebracht, das umgestürzte Signal wird geborgen.
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Die zerstörten Schwellen.......
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Sh 2 gesichert.
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Die gelösten Schienen werden bei Seite gelegt, die Altschwellen können raus.
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Alles ist bereit.
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Der zuvor über die Kopframpe entladene Bagger legt die Schwellen auf einen Flachwagen
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Wagen wegstellen, abkuppeln.
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Altschotter ebenfalls raus.
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Die neuen Betonschwellen werden aufgelegt.
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DSC_4274.jpg
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DSC_4278.JPG
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Die Schienen werden gelascht und verschraubt.
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...der Schotter läuft.
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Stopfen....Was hat der “Alte” denn? Es läuft doch gut.
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Nach Fertigstellung kann das Gleis wieder frei gegeben werden.
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Eine 50er hat den Bauzug am Haken, die Maschinen werden dringend woanders erwartet.
DSC_4416~2.JPG
DSC_4417~2.JPG
So oder so ähnlich mag es sich überall bei der DB zugetragen haben.
Allzeit gute Fahrt
Beste Grüße
Günther
Dateianhänge
DSC_4121~2 Die Lage wird sondiert..jpg
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Bernhard Domin
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Registriert: Sa 16. Jan 2021, 14:45

Re: Großversuch mit Betonschwellen (Weihnachten 2025)

Beitrag von Bernhard Domin »

Grüß Gott zusammen,

nachdem wir nun verschiedene Arten des Einbaus von Betonschwellen, von der Handarbeit über den Einsatz von Maschinen kennen gelernt haben, kehren wir mit dieser Folge wieder an den Anfang mit viel Handarbeit zurück.

Betonschwelleneinbau bei der Hohenzollerische Landesbahn ( HzL )

Im September 1960 stand auf den Gleisen der Hohenzollerischen Landesbahn die jährliche Streckeninspektion durch den Landesbevollmächtigten für Bahnaufsicht an. Bei den NE-Bahnen war dieser für den Bau und Betrieb der Bahnen zuständig. Der Betriebsleiter der HzL, Heiner Gscheidle, konnte dieses Mal nicht auf die bahneigene Draisine zurückgreifen, weil diese mit einem kleinen Schaden in der Werkstatt weilte. So entschloss er sich kurzerhand, den Landesbeamten Fritz Knöpfle an Bord des VT 6, ein Uerdinger Schienenbus der ersten Serie, mit auf die Fahrt zu nehmen. Die HzL besaß davon zwei Stück samt zugehörigen Beiwagen. Fritz Knöpfle freute sich sehr, nicht in der engen, unbequemen Draisine fahren zu müssen. So ging die Fahrt nun unspektakulär bis zum Kilometer 15,8, wo die Fahrgäste einmal kurz durchgeschüttelt wurden. Also anhalten und nachsehen, was da los war. Die Stelle war aufgrund einiger morscher Holzschwellen schnell gefunden; dort bestand ein nicht unwesentlicher Gleislagefehler. Der Landesbevollmächtigte mahnte nun die baldmögliche Reparatur der Gleise an dieser Stelle an.

Inspektion - Kopie.JPG
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Heiner Gscheidle hatte schon so etwas vermutet, da ihm seine Lokführer schon die „Ecke“ im Gleis gemeldet hatten, und die Signale für die Einrichtung einer Langsamfahrstelle mitgenommen. Anfang und Ende der Langsamfahrstelle wurden gleich festgelegt und die entsprechenden Signaltafeln sofort aufgestellt.

Lf-Stelle - Kopie.JPG
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Nun sollten hier also die morschen Schwellen getauscht werden und die Gleislage in Ordnung gebracht werden. Dabei fiel Fritz Knöpfle ein, dass die DB vor einigen Jahren Versuche mit Betonschwellen angeordnet hatte. Daher schlug er vor, auch hier mal einen Versuch mit Betonschwellen zu machen. Die Strecke der HzL bot sich dafür an, da die Wetterverhältnisse auf der Zollernalb besonders im Winter mit viel Schnee und tiefen Temperaturen den Holzschwellen sehr zusetzte. Außerdem verkehrten hier die schweren Salzzüge, die teilweise mit mehreren Loks bespannt worden sind. Vielleicht ließ sich die Haltbarkeit der Schwellen mit Betonschwellen verlängern? Also versuchte er, bei der DB eine oder zwei Betonschwellen zu organisieren. Bei einem kurzen Telefonat mit der Bauabteilung der BD Stuttgart erfuhr er, dass aus dieser Versuchsreihe übrig gebliebene Betonschwellen der Bauart B58K im Gleislager Heilbronn vorhanden sein müssten. Zwei davon sollten von der DB nach Gammertingen geliefert werden.

Einige Tage später waren diese eingetroffen und nun konnte die Baustelle in Angriff genommen werden. Dazu wurde ein Bauzug zusammengestellt, welcher aus der Lok 141, die bei solchen Diensten ihr Gnadenbrot verdiente, dem Personenwagen 3 und dem bahneigenen Arbeitswagen X 104 bestand. Auf dem X-Wagen wurden die benötigten Schwellen, Werkzeug und etwas Schotter verladen.

Material - Kopie.JPG
Material - Kopie.JPG (387.23 KiB) 5737 mal betrachtet

Im Personenwagen wurden die Rottenarbeiter zur Baustelle gebracht, weil diese an einer Stelle lag, die nur per Bahn zugänglich war. Außerdem diente dieser auch als Aufenthaltsraum während der Pause.

Bauzug - Kopie.JPG
Bauzug - Kopie.JPG (279.43 KiB) 5737 mal betrachtet

An der Baustelle angekommen freuten sich Oberlokführer Heinrich Lauw und sein Oberheizer Hermann Bruder über den ruhigen Bauzugdienst.

Lokmanschaft - Kopie.JPG
Lokmanschaft - Kopie.JPG (287.35 KiB) 5737 mal betrachtet

Währenddessen waren die Rottenarbeiter damit beschäftigt, die Schwellen und Werkzeuge vom Arbeitswagen abzuladen.


Abladen - Kopie.JPG
Abladen - Kopie.JPG (387.23 KiB) 5737 mal betrachtet

Bei der HzL gab es keinen Kran, keinen Bagger oder sonstige Hilfsmittel. Nein, es wurde alles von der Rotte in Handarbeit erledigt. Die Holzschwellen konnten die Rottenarbeiter wie gewohnt "auf die leichte Schulter nehmen".

Holzschwelle X-Wagen - Kopie.JPG
Holzschwelle X-Wagen - Kopie.JPG (383.97 KiB) 5737 mal betrachtet

Die neuen schweren Betonschwellen erforderten hingegen die vereinten Kräfte aller Rottenarbeiter. Wie sie diese vom X-Wagen herunter bekommen hatten wird ihr Geheimnis bleiben! Betriebsleiter Gscheidle hatte, Gott sei Dank, beim Werkmeister eine Art Schienenzange für die Schwellen anfertigen lassen, um wenigstens das Tragen zu erleichtern.

Betonschwelle tragen - Kopie.JPG
Betonschwelle tragen - Kopie.JPG (330.84 KiB) 5737 mal betrachtet

Natürlich konnte der laufende Zugbetrieb nicht unterbrochen werden, das Salz aus der Saline Stetten b. Haigerloch sollte pünktlich bei den Wackerwerken in Burghausen angeliefert werden. Rottenführer Sepp Eberle hängte schon mal die Zugschlusstafel an.

Zugschluß - Kopie.JPG
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Nachdem der Bauzug in den nächsten Bahnhof zurückgeschoben worden war, musste die Rotte die Durchfahrt des G 305 sicher neben dem Gleis abwarten.

Salzzug - Kopie.JPG
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Der Sipo hatte sie natürlich vorher mit seinem Signalhorn gewarnt. Für die bessere Übersicht hatte der sich auf einen höheren Hügel gestellt.

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Zunächst galt es nun, die Fächer zwischen den Schwellen vom Schotter zu befreien.

Schotter entfernen - Kopie.JPG
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Um die erste Schwelle zu entfernen, schraubte der Rottenarbeiter Hannes Vögele die Mutter der Klemmschraube los.

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Danach wurde die Schiene gleich mit einer Winde von Gleiswerker Gerd Kober auf die richtige Höhe gebracht.

Schwellen lösen mit Winde - Kopie.JPG
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Nachdem alle alten Schwellen entfernt waren, wurde es erst einmal Zeit für ein zünftiges Vesper, wozu alle Rottenarbeiter dem Personenwagen zustreben. Auf der Zollernalb trinkt man kein Bier zum Vesper, sondern den guten selbstgemachten Most vom Obst der reichlich vorhandenen Streuobstwiesen. Obergleiswerker Karl Nerz hatte ein kleines Fässchen auf der hinteren Plattform des Personenwagens deponiert.

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Frisch gestärkt, mit vereinten Kräften und Hilfsmitteln wie Schwellenzange und Brechstange wurden nun die zwei Betonschwellen und eine neue Holzschwelle eingezogen.

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Trotzdem fluchten die Gleiswerker wie die Rohrspatzen über die sauschweren Betonschwellen. Schließlich stand ihnen noch das anstrengende Richten des Gleises mit der Schwungramme bevor.

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Vorarbeiter Michel Knöpfle mahnt seine Mannen zur Eile, denn die nächste Zugfahrt stand bevor. Zur Sicherheit hat er schonmal das Spurmaß in der Hand, um die Spurweite zu überprüfen.

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„Passt alles“, stellte er erleichtert fest, dann kann der Zug kommen.

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Nach dessen Durchfahrt folgt nun der letzte Akt, das Stopfen des Schotters mit der Stopfhacke. Dies erfordert nun wieder kräftige Handarbeit.

Stopfen - Kopie.JPG
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Zum Schluss wurden die Werkzeuge wieder auf den X-Wagen verladen und die Heimfahrt angetreten.

Betriebsleiter Heine Gscheidle ist nun sehr gespannt, wie sich die neuen Betonschwellen bewähren, er wird dies genau beobachten und die Ergebnisse seinem obersten Chef im Landeseisenbahnamt mitteilen. Für seine Mitarbeiter der Rotte denkt er aber schon über die Beschaffung eines Baggers zur Arbeitserleichterung nach.

Vorbild

Der Heimatforscher und Fotograf Botho Walldorf dokumentierte schon früh das Geschehen bei der Hohenzollerischen Landesbahn. Besonderes Interesse hatte er an den Alltagssituationen.
Hier ein Beispiel zum Gleisbau bei der HzL.
Landesarchiv_Baden-Wuerttemberg_Staatsarchiv_Sigmaringen_Dep._44_T_2_Nr._526_C_26_Bild_1_(6-412884-1).jpg
http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=6-412884-1

Soweit mein Beitrag zur Weihnachtsgeschichte 2025.

Liebe Grüße und ein gutes neues Jahr
Bernhard
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Manfred Mitze
Beiträge: 625
Registriert: So 24. Dez 2017, 19:09

"Making of Betonschwellen"

Beitrag von Manfred Mitze »

Moin zusammen,

am Ende unserer Weihnachtsgeschichte steht auch diesmal wieder das Kapitel „Making of“ mit den gesammelten Geheimnissen von der Erstellung des Betonschwellenwechsels. Es es ist dazu einiges zusammenkommen, sodass wir uns entschieden haben, dass jeder Teilnehmer heute in einem eigenen kleinen Beitrag berichtet.

Die Begeisterung für das Thema hielt sich anfänglich in Grenzen, es schien auf den ersten Blick doch ziemlich seltsam und wenig ergiebig. Indes, mit etwas Nachdenken kamen dann doch viele Ideen, wie man eine lesenswerte Story daraus machen könnte.

Kreativität war schon für die Einleitung nötig: Ein bisschen Fachliteratur stand im Schrank, das Internet lieferte viele Bilder und Beschreibungen in Sachen Gleisbau. Zum zentralen Thema „Entwicklung der Betonschwelle“ haben wir obendrein einen Artikel im Jahrbuch des Eisenbahnwesens und sogar eine Dissertation gefunden, immerhin.

Nun ist es aber eine schöne Tradition, den Modellbau mit ein paar Originaldokumenten zu garnieren. Aber wie um alles in der Welt erstellt man an ein Schreiben der Hauptverwaltung an die einzelnen Direktionen zu einem Thema, was sich zwar an dem damaligen Geschehen orientiert, es aber dann doch (hier sei es gestanden, wir sind ja unter uns) ein wenig frei interpretiert?

Im Gedenken an unsere Telexe von Fred Sonnenschein haben Michael und ich einen gewissen Aufwand hineingesteckt, um ein zeitgenössisch korrekt wirkendes Ergebnis zu erzeugen. Aus vorliegenden Originaldokumenten war der damalige Briefkopf der Hauptverwaltung schnell rekonstruiert.

Wie kommt man jedoch an ein realistisch wirkendes Schriftbild einer mechanischen Schreibmaschine? Es gibt zwar entsprechende Textfonts für den Computer, aber ein erster Test gefiel uns nicht so recht. Nun, da stand doch seit rund 40 Jahren die gute alte Adler meines Vaters im Vorratskeller! Das gute Stück wurde kurzerhand reaktiviert, allein: Das Farbband hatte in der langen Standzeit doch ein wenig an Qualität verloren. Hmmm. Indes: das Internet hilft! Man glaubt es nicht: In den Weiten des Netzes findet sich frischer und preiswerter Ersatz.

Nun konnte es losgehen. Erst einmal mit der Erfahrung, dass Tippfehler tunlichst zu vermeiden sind, schließlich gibt es keine Korrekturtaste. Der erste Versuch war kein Treffer, soviel sei zugegeben …..

Die gute alte Mechanik funktionierte indes noch einwandfrei, wobei der entstehende Lärm eine Vorstellung erzeugt, wie es damals in einem Schreibbüro zuging.

87 Sekretärin _kl1.JPG
Die Ehefrau als Aushilfs-Bundesbahnsekretärin bei der Arbeit, zeitgenössisch mit Adler und Kaiser Idell


Einzelheiten zu den handelnden Abteilungen und Personen lieferte Michaels Archiv ebenso wie schöne Vorlagen zu Stempeln, Unterschriften und Paraphen. Und da bei Bernhard und HaJo Privatbahnen im Spiel waren, musste das Schreiben selbstverständlich auch beglaubigt werden, mit Stempel und Unterschrift der Bundesbahngehilfin auf jeder Seite.

Das bunte Mischung einzelner Elemente wurde dann am Rechner passend arrangiert und eingefärbt. So wollten wir ein wenig Authentizität erzeugen, um nicht bei der bekannt anspruchsvollen Leserschaft sofort mit einer handwerklich schlecht gemachten Fälschung aufzufliegen.

80 HVB Schreiben S1.jpg
Das Ergebnis



Einbau in Silschede

Das Schreiben war fertig – so weit, so gut. Mein Job war es nun, den Einbau einer solchen Schwelle mit einfachen Handwerkzeugen zu dokumentieren, auf einer wenig befahrenen Nebenbahn. Allein: Wie will man etwas dokumentieren, wovon man herzlich wenig Ahnung hat?

Für die Abfolge der handwerklichen Arbeiten half schon mal dieses Ausbildungsvideo:




Die Recherchestand war also ganz passabel, aber soll man nun an der fertigen Anlage den Schotter herauskratzen, mühsam eine Schwelle freilegen und dabei reichlich Flurschaden erzeugen? Da das Ganze doch ohnehin eher einem Kammerspiel ähnelte, konnte man doch auch ein paar Dezimeter Weinert-Gleis auf ein Testbrett legen und nett gestalten. Gesagt, getan.

Zu einer zünftigen Baustelle gehören natürlich auch die handelnden Personen und Werkzeuge, die auf den historischen Bildern so schön zu sehen waren. Klv, Draisine und Talbot waren ja vorhanden. Aber so ziemlich alles andere war zu konstruieren und mit dem Druckerchen auf die Welt zu bringen. Von dem sitzenden Trio auf der Klv-Ladefläche über die Bank selbst, die Jungs an der Stopfhacke und der Schottergabel bis zu den Holz- und Betonschwellen und vielem mehr. Alles in allem gibt es an der Silscheder Baustelle keine Kaufteile zu sehen, sodass sich die erste Einschätzung „kann ja nich so aufwändig sein, eine schnöde Schwelle zu wechseln“ mit zunehmendem Projektfortschritt doch etwas relativierte.

88 Gesammelte Werke.JPG


Erstaunlich problemlos war hingegen das Fotografieren der Baustelle. Das Testbrettchen wanderte dazu einfach in die Wintersonne. Hatte man dann erst einmal die Figuren mit Pinzette, chirurgischer Präzision und viel Glück richtig positioniert, war das Foto selbst ein Klacks, alle Baustellenmotive entstanden in einer guten Stunde.

Für die Motive an der Anlage mussten dann schon alle Register gezogen werden, um für das Foto an der Brücke seitlich weit auskragend arbeiten zu können: Am Stativkopf wurden Verlängerungen angeschraubt und ein Holzklötzchen hilft zusammen mit dem Selbstauslöser gegen Verwackeln bei den unvermeidlich langen Belichtungszeiten.

92 Kamera aufgelegt.jpg


Was bleibt, ist also die Erfahrung, dass es erstens (bei allem Spaß an der Sache) anders kommt als man zweitens denkt. Ein bisschen mehr Mühe als kalkuliert hat unsere Weihnachtsgeschichte durchaus gemacht. Aber im nächsten Jahr wird alles anders …. oder auch nicht :-).


Viele Grüße
Manfred


PS:
An dieser Stelle auf jeden Fall schon mal ganz dickes Dankeschön an die dolle Gleisbauertruppe, die mit viel Geduld und Phantasie wieder wunderbare Geschichten gehäkelt hat, aus einem doch zugegebenermaßen etwas drögen Thema.
Umso schöner natürlich auch, dass sich die Forengemeinde obendrein noch recht gut unterhalten fühlte, wenn wir das richtig wahrgenommen haben.
Michael Böttcher
Beiträge: 59
Registriert: Mo 27. Feb 2023, 15:03

Re: Großversuch mit Betonschwellen (Weihnachten 2025)

Beitrag von Michael Böttcher »

Moin,
bei meinem Einstieg in das Weihnachtsgeschichten-Team vor einigen Jahren war (auch) für mich als ehemaliger Bundesbahner die Rolle klar definiert: "Vorbildquellen und -Recherche"
Zu der Zeit war ich bereits in der Spur Z unterwegs. Bekanntlich sind die Trauben im EMF von exquisiter Qualität - hängen allerdings auch extrem hoch... Von daher war es zunächst nichts, mit einem Beitrag im Maßstab 1:220. Inspiriert haben mich diese Weihnachtsgeschichten allerdings immer schon.

In diesem Jahr war es so, dass mir im Zuge der Planungen der Gedanke kam, "...so ein roter Klv 51, Epoche 3 in Z, das wäre doch mal was..." Von Railex habe ich die gelbe Version, die mich auch von der Detaillierung her nicht endgültig überzeugt hat. Also auf gings, im Bauklötzchen-Programm 3D Builder war das Fahrzeug mit überschaubarem Aufwand „konstruiert“ und in verschiedenen Einzelteilen (Führerhausaufbau, Pufferbole, Sprengwerk, Räder, Chassis, Ladefläche usw.) im Wege des FDM Drucks ausgedruckt. Danach noch der Zusammenbau und die farbliche Behandlung.

Und schließlich kam eins zum anderen, diesmal wurde es tatsächlich ein seperater Beitrag.
Als "Umgebung" dienten mir mir drei verschiedene Fotodioramen mit Hilfe derer die Story inszeniert wurde. Auch habe ich mir inzwischen verschiedene Hintergrundkulissen zugelegt.
Das Diorama „Zettertal“ wurde zur Location für die Schwellenbaustelle. Normalerweise pendelt dort ein Vt-Vs98 Pärchen in gemütlicher Fahrt hin und her. Dieses Diorama ist erst im Herbst 2025 entstanden.

Bei den Fotoarbeiten kam mir die "Kleine" dieser Spurweite durchaus entgegen. Ich brauchte bei wenig Platz auch relativ wenig Aufwand für die Schärfentiefe, um eine weitgehend durchgehende Schärfe zu erreichen. Aufgenommen wurden die Fotos mit meiner Bastelbudenknipse EOS 700D und einem Stativ. Für die Betrachtung der Bilder im Bildschirm-Format allemal ausreichend.



Viele unterschiedliche Einzelteile der verschiedenen Schwellenladungs- und Klv Baugruppen. Der Klv besteht aus ca. 20 Einzelteilen. Die Druckqualität im 3D Druck weist grundsätzlich Schwankungen auf, es wurden nach Augenschein die Bauteile mit den wenigsten Mängeln verbaut... (da könnte und werde ich sicher locker noch einen weiteren Klv draus bauen können...)

kleinteile a d drucker.jpg



Bemalung des Klv Führerhauses

klv im bau.jpg




Szenenaufbau (annähernd) auf Bierdeckelformat

making of bierdeckelformat.jpg



Fotosession

making of bruecke.jpg



Die drei Dioramen-Protagonisten, oben links „Weservorfluter Dreye“, oben rechts „An der Rampe“ und darunter „Im Zettertal“

alle drei dios.jpg

Ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem die "Räder" aller Beteiligten reibungslos ineinander gegriffen haben, auf dass es gelaufen ist, wie ein fein geschmiertes Dampfloktriebwerk...

Auch mir hat die Aktion große Freude bereitet, vielen Dank nochmals an die gesamte Gleisbautruppe und für die freundliche Zustimmung durch die Leserschaft!
Zuletzt geändert von Michael Böttcher am Sa 3. Jan 2026, 10:50, insgesamt 4-mal geändert.
Schönen Gruß aus Bremen

Michael
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Bernhard Domin
Beiträge: 172
Registriert: Sa 16. Jan 2021, 14:45

"Making of Betonschwelle" ( HzL)

Beitrag von Bernhard Domin »

Hallo zusammen,

nachdem ich bei der letzten Weihnachtsgeschichte, auf Wunsch von HaJo, noch einen Beitrag nachgeschoben hatte, kam dieses Jahr von Manfred die Anfrage, ob ich dieses Jahr auch wieder dabei sein möchte. Meine schnelle Zusage hatte ich nach ein paar Tagen fast wieder bereut. Ich habe mich sofort mit dem Thema Betonschwelle beschäftigt und bin sehr schnell auf einige Schwierigkeiten gestoßen. So eine Betonschwelle hat ja schon ein ordentliches Gewicht, ca. viermal so schwer wie die üblichen Holzschwellen. Wie sollte ich den Umgang damit bei einer NE-Bahn die noch nicht einmal ein Skl in ihrem Besitz hatte, glaubhaft darstellen? Und an den fertigen Modulen den Schotter wieder rauskratzen und Schwellen entfernen? Nein, das ging nicht. Allerdings wollte ich mir diese Blöße auch nicht geben und das Veto von Manfred stimmte mich dann doch noch um.

Genau wie er baute ich mir ein Brett mit etwas Gleis und Landschaft um alle notwendigen Arbeitsschritte für dem Schwellenwechsel darstellen zu können.

Bernhard's Brett - Kopie.JPG
Bernhard's Brett - Kopie.JPG (201.42 KiB) 2904 mal betrachtet

Ein passender X-Wagen war relativ schnell aus Teilen aus der Bastelkiste zusammengebaut.

20250820_190337 - Kopie.jpg
20250820_190337 - Kopie.jpg (143.19 KiB) 2904 mal betrachtet
X-Wagen - Kopie.JPG
X-Wagen - Kopie.JPG (419.47 KiB) 2904 mal betrachtet

Ansonsten bot diese Aktion die Gelegenheit, endlich die schon lange angefangene ELNA ganz fertig zu machen.


https://www.eisenbahnmodellbauforum.de/ ... php?t=4615


Die gedruckten Schwellen lieferte Manfred, Figuren von Preiser konnte ich über Kleinanzeigen ergattern, die speziellen Figuren für die Schwungramme druckte Andreas nach den Vorlagen von Manfred und schickte sie mir zu. Danke dafür!


In meinen Beständen fand ich auch noch Gleisarbeiter von Merten, schrecklich mit Farbe versaut, aber die konnte ich mit etwas Farbe auffrischen.

20260102_193424 - Kopie.jpg

Das Ganze dann fotografieren ist auch sehr aufwendig, mal ist hier was nicht ganz scharf, dort ein bisschen zu dunkel oder es liegt mal wieder was im Weg herum, was nicht auf’s Bild soll.

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20251222_112816 - Kopie.jpg (329.33 KiB) 2904 mal betrachtet

Und zum Schluss dann noch eine Geschichte erfinden, die einigermaßen glaubhaft ist und manchmal auch zum Schmunzeln verleitet.

Aber das alles war dann irgendwann mal fertig und hat wieder Spaß gemacht, gelernt habe ich dabei auch wieder was.

Vielen Dank, dass ich mitmachen durfte, für die Unterstützung und die hilfreichen Anregungen.

Gruß Bernhard
Gesperrt